Driften

von   Dr. Peter Lodermeyer

IV.
Die Bewegung in diesen Bildern entspricht dem Driften, das einer zweiteiligen Arbeit den Titel gibt. Driften ist ein passives Geschehen, eine Bewegung ins Haltlose. Was driftet, wird mitgenommen von der Zeit. Diese Zeitlichkeit, ablesbar an den Spuren der vielfältigen Arbeitsprozesse, ist mehr als "nur" ein ästhetisches Moment, es ist ein existenzielles Faktum: das Wissen darum, wie schmal der Grat unserer Gewissheiten und unserer selbstgemachten Haltepunkte ist - wir erfahren es in unserer beschleunigten Welt als rasenden Kultur- und Wertewandel, das Wegdriften ethischer, ästhetischer, ökonomischer, sozialer, metaphysischer Gewissheiten. Ein Schritt zur Seite aus unserem überschaubaren Bezirk des Vertrauten und wir treiben ins Unabsehbare. Das gilt selbst für die Wörter, selbst dann, wenn sie eindeutig zu sein scheinen. Ein Beispiel genügt, um zu zeigen, wie sehr selbst den scheinbar unmissverständlichsten Wörtern die Bedeutung entgleitet: "Tenebrae“. Man denkt natürlich an das berühmte Gedicht von Paul Celan, aber könnte Tenebrae nicht auch das liturgische Stundengebet der Karwoche meinen? Oder den italienischen Horrorfilm von 1982? Die 3-D-Software gleichen Namens? Oder einfach nur das lateinische Wort für Dunkelheit? Welche Dunkelheit dieses lichte Bild verdunkelt, ist eine Frage des assoziativen Widerhalls im Betrachter. Es sind gedankliche Resonanzräume, die sich durch die Wörter in Zimmers Bildern auftun. Und es sind visuelle Resonanzräume, die sich in der freien Faktur der Malerei öffnen. Diese Bilder zeigen ganz ehrlich, dass sie auf das resonierende (eher als räsonierende) Mittun des Betrachters angewiesen sind. Die Vielschichtigkeit (auch im Wortsinn der vielen Farbschichten) zeigt sich als das, was sie ist, ein Ringen um einen Halt, der sich langsam aus den chaotischen Anfangsstadien der Bilder aufbaut - doch dies, ohne zu festen Strukturen zu gerinnen. Es geht in diesen Bildern um so etwas wie Erdung, ein momentanes Stabilisieren in der Drift aller Gewissheiten. »Die Erde nah“ - Die Erde fem", in diesem Spannungsbogen ereignet sich die Malerei von Bernhard Zimmer.

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