IV.
Die Bewegung in diesen Bildern entspricht
dem Driften, das einer zweiteiligen Arbeit
den Titel gibt. Driften ist ein passives
Geschehen, eine Bewegung ins Haltlose.
Was driftet, wird mitgenommen von der
Zeit. Diese Zeitlichkeit, ablesbar an den
Spuren der vielfältigen Arbeitsprozesse,
ist mehr als "nur" ein ästhetisches
Moment, es ist ein existenzielles Faktum:
das Wissen darum, wie schmal der
Grat unserer Gewissheiten und unserer
selbstgemachten Haltepunkte ist - wir
erfahren es in unserer beschleunigten
Welt als rasenden Kultur- und
Wertewandel, das Wegdriften ethischer,
ästhetischer, ökonomischer, sozialer,
metaphysischer Gewissheiten. Ein Schritt
zur Seite aus unserem überschaubaren
Bezirk des Vertrauten und wir treiben
ins Unabsehbare. Das gilt selbst für die
Wörter, selbst dann, wenn sie eindeutig
zu sein scheinen. Ein Beispiel genügt, um
zu zeigen, wie sehr selbst den scheinbar
unmissverständlichsten Wörtern die
Bedeutung entgleitet: "Tenebrae“. Man
denkt natürlich an das berühmte Gedicht
von Paul Celan, aber könnte Tenebrae nicht
auch das liturgische Stundengebet der
Karwoche meinen? Oder den italienischen
Horrorfilm von 1982? Die 3-D-Software
gleichen Namens? Oder einfach nur das
lateinische Wort für Dunkelheit? Welche
Dunkelheit dieses lichte Bild verdunkelt,
ist eine Frage des assoziativen Widerhalls
im Betrachter. Es sind gedankliche
Resonanzräume, die sich durch die
Wörter in Zimmers Bildern auftun. Und es
sind visuelle Resonanzräume, die sich in
der freien Faktur der Malerei öffnen. Diese
Bilder zeigen ganz ehrlich, dass sie auf
das resonierende (eher als räsonierende)
Mittun des Betrachters angewiesen sind.
Die Vielschichtigkeit (auch im Wortsinn
der vielen Farbschichten) zeigt sich als
das, was sie ist, ein Ringen um einen Halt,
der sich langsam aus den chaotischen
Anfangsstadien der Bilder aufbaut -
doch dies, ohne zu festen Strukturen zu
gerinnen. Es geht in diesen Bildern um
so etwas wie Erdung, ein momentanes
Stabilisieren in der Drift aller Gewissheiten.
»Die Erde nah“ - Die Erde fem", in diesem
Spannungsbogen ereignet sich die
Malerei von Bernhard Zimmer.